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Yoga-Sūtra II/33 (Patañjali)

In der obigen Sūtra benennt Patañjali mit der Technik von „pratiprakṣa-bhāvana“ das yogische „Rezept“, um falsche, „abträgliche“ innere Tendenzen und Regungen zu besiegen. Er nimmt damit die Erkenntnisse der modernen Psychologie vorweg, dass der Versuch, nicht an das Negative zu denken, eigentlich ein „No go“ ist, da die Psyche keine Verneinungen kennt.

[Näheres sowie konkrete Übungen im Sūtra-Abend mit Dr. Christian Schmidt.]

Yoga-Sūtra II/32 (Patañjali)

Diese Sūtra benennt – analog zu den Yamas – die fünf Niyamas. Anders als bei den Yamas, bei denen es um „Zügelung“ geht, sollen durch die Niyamas positive innere Energien (Gedanken, Gefühle, Bilder) gestärkt und zur Entfaltung gebracht werden. Schauen wir uns nur das Niyama „Zufriedenheit“ an: Es liegt auf der Hand, dass Unzufriedenheit nicht nur nicht glücklich macht, sondern auch eine geistige „Vertiefung“ behindert. Das „Gießen“ des Pflänzchens Zufriedenheit, um es wachsen, reifen und blühen zu lassen, führt nicht nur zu einem zufriedenen, glücklichen Leben, sondern erleichtert unsere Fähigkeit zu innerer Sammlung und hilft uns auf dem Weg in die Tiefe.

Yoga-Sūtra II/31 (Patañjali):

Der Sanskritausdruck für „Großen Vorsatz“ ist Mahā-vratam. Er hat folgende Bedeutungen: Vorsatz, Wille, Gewohnheit, Pflicht, Gelübde, Gebot. Gemeint ist, dass Yoga-Übende, welche die Yamas in ihrer umfassenden Bedeutung üben wollen, sich wirklich etwas ganz Großes vornehmen. Sie geloben, in allen Lebenslagen nicht mehr zu verletzen, wahrhaftig zu sein, niemand etwas wegzunehmen, enthaltsam zu leben und nicht am Besitz festzuhalten, so als hätte man ihn nicht. Patanjali macht in dieser Sutra auch deutlich, dass diese Haltung unabhängig von der Stellung des Übenden gilt – egal ob Herr oder Angestellter, Mann oder Frau, Brahmane oder Bauer. Die Beachtung der Yamas gilt auch unabhängig vom Ort und Situation, d. h. egal wo und in welchem Umfeld wir uns gerade befinden, und sie gilt immer und jederzeit. Also nicht nur z. B. in der Fastenzeit oder zu anderen Zeitausschnitten, die wir wählen, um zu üben.

Yoga-Sūtra II/30 (Patañjali):

Yama: Gewaltfreiheit (ahiṃsā), Wahrhaftigkeit (satya), Nichtstehlen (asteya), Enthaltsamkeit (brahmacarya), Nichtbesitzen (aparigrahā). Diese Sūtra listet die fünf Yamas lediglich auf. Mit der vorstehenden Übersetzung wurde versucht, jedes Yama mit einem deutschen Begriff zu übersetzen, um eine erste „Indikation“ zu erhalten. Damit bleibt man natürlich erst einmal nur an der Oberfläche. Wir werden die Differenziertheit der einzelnen Haltungen im weiteren Verlauf der Kursabende besprechen und die Wirkungen, die sich ergeben, wenn das jeweilige Yama ernsthaft und nachhaltig geübt wird, kennenlernen.

Yoga-Sūtra II/29 (Patañjali):

Patañjali umschreibt nun den Achtstufigen bzw. Achtgliedrigen Pfad: Die „Glieder“ des Yoga sind yama, niyama, āsana, prāṇāyāma, pratyāhāra, dhāraṇā, dhyāna, samādhi (spirituell-ethische Haltungen oder „Gebote“, spirituelle Tugenden, Körperhaltungen, Atemübungen zur Kontrolle des Prāṇa und Reinigung der Nāḍīs – „Energieadern“ -, Zurückziehen der Sinne, Konzentration und Sammlung auf einen Punkt, Meditation als Ergebnis hoher Konzentrationsfähigkeit, Unio mystica).

Yoga-Sūtra II/28 (Patañjali):

Patañjali beschreibt drei Dimensionen, die durch das Praktizieren von Yoga entwickelt werden:

1. Geist und Körper werden reiner; unreines Denken und „Schlacken“ bzw. Verunreinigungen im Körper werden abgebaut.

2. Es leuchtet immer mehr geistiges Wissen und spirituelle Erkenntnis auf; die Welt wird anders wahr genommen. Patanjali verwendet für diese Dimension die Worte  „jñāna“, Wissen, und „dīpir“, was so viel bedeutet wie Flamme, Glanz, Anmut.

3. Nun erst wird die höchste Form von Viveka möglich, nämlich in Form einer Schau, in welcher der wahre Unterschied – zwischen dem SELBST und allem anderen – gesehen wird. Dies ist keine intellektuelle Leistung oder geistiges Reflektieren, sondern erfolgt unmittelbar aus der Erfahrung von Samadhi.

Yoga-Sūtra II/27 (Patañjali):

Patanjali erklärt nicht, was er unter einem „siebenfältigen“ Bewusstsein versteht. Teilweise wird in den Kommentaren statt siebenfältig (saptadha) von siebenstufig gesprochen, und es werden dann sieben Stufen wie folgt differenziert: Körper – Sinne – Prana – Gefühle/innere Bilder – Intellekt/kognitives Bewusstsein – reines Bewusstsein – Selbst. Es geht nicht um „likes“ und „dislikes“, diese Unterscheidung gehört in die Kategorie „Kleshas“ und führt zu Bindung, Verstrickung und damit letztlich Leid i.S. des Yoga-Sutra. Das, was aufgegeben werden muss, sind unsere „klishta“-Tendenzen, also das, was zu Leid führt.

Yoga-Sūtra II/26 (Patañjali):

Unterscheidende Erkenntnis oder Wahrnehmung des Unterschieds ist ein sehr wichtiger, um  nicht zu sagen wesentlicher Bestandteil des spirituellen Prozesses. In unserer stark hedonistisch geprägten Gesellschaft, die den Bürger als Konsumenten begreift (und dieser sich als solcher begreifen lässt), ist die unterscheidende Erkenntnis stark auf „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ gerichtet. Wir unterscheiden, wozu habe ich Lust und wozu habe ich keine Lust. Mit dieser Lust-Unlust-Unterscheidung sind wir mitten im unguten Spannungsfeld der Kleshas, nämlich im Wünsche-Ablehnungs-Modus, und damit in dem, was schließlich zu Leid und Enttäuschung führt. Denn keine Lust währt ewig! Und die Schatten, die sich aufbauen, weil wir dem Unangenehmen (aber Erforderlichen) aus dem Weg gehen, erzeugen Angst und Unfreiheit. Gestärkt wird unser Ego und unsere Abhängigkeit vom Außen, das Selbst, die Verbindung mit ihm und die Hingabe an das Sein treten zurück.

Yoga-Sūtra II/25 (Patañjali):

Kurz vor dem achtstufigen Pfad (aṣṭāṅga-yoga), der mit Sūtra II/29 beginnt, macht Patañjali noch einmal einen entscheidenden Punkt: Nicht Samadhi, sondern erst der Zustand von Kaivalya führt zur endgültigen Befreiung. Erst dann geht der menschliche Geist (citta) in dem Großen Ganzen (Selbst) wirklich und auf Dauer auf. Das Selbst wird in dieser Sūtra, wie schon in vorangegangenen Sūtren, als Seher oder Beobachter bezeichnet. Je mehr wir uns mit dem Selbst verbinden und immer öfter und länger in der Haltung des (handelnden) Beobachters verweilen können, umso mehr werden uns die Wellen des Lebens nicht mehr „nass“ machen. Wir sind mehr und mehr in der Lage, „auf“ die Situationen zu blicken als „in“ ihnen verstrickt zu sein.

Yoga-Sūtra II/24 (Patañjali):

Die „Mutter“ aller Kleśas (d. h. Leidbringer) ist die Unwissenheit; sie liegt den anderen vier Kleśas zugrunde und ist gleichsam ihr Mutterboden. Unwissenheit ist die Unfähigkeit, das Selbst wahrzunehmen bzw. in ihm zu verweilen. Wir sind im Zustand der Unwissenheit zu sehr mit der Welt verstrickt und lassen uns ablenken.

Um zu erwachen, sitze ruhig da

und lass Dir Atemzug für Atemzug

den Geist klären und das Herz öffnen:

Dieser dem Buddha zugeschriebene Satz beinhaltet für mich alles, was ich im Pranayama-Kurs vermitteln möchte:

„Um zu erwachen“ – das ist das, worauf wir hinarbeiten, der Grund, warum wir üben: Erkennen, was „menschengemacht“ ist – und was ewig. Was Wahrheit ist – und was Illusion.

„sitze ruhig da“ – das bedeutet: Die citta vrittis sind verschwunden – zumindest beruhigt – sodass sie nicht stören; einen nicht forttragen.

Und wir erleben die Stille. Die Stille als Kraftquelle.

Wenn wir „ruhig dasitzen“, dann sind wir mit dieser Kraftquelle verbunden; wir sind „ruhig“ und wir sind „da“.

„und lass Dir Atemzug für Atemzug“ – durch den Fokus auf den Atem gelingt das Sammeln auf einen Punkt: Atemzug für Atemzug bleibe ich beim Atem: Ich atme ein. Ich atme aus.

Atem ist Leben. Mit der Beobachtung des Atems haben wir Zugang zum SEIN.

„den Geist klären“ – mit dem Fokus auf den Atem wird der Geist geklärt – Gedanken und Gefühle, in die wir uns sonst „verwickeln“, wird die Nahrung entzogen und es ergibt sich sozusagen von selbst, dass wir Zugang zur Wahrheit bekommen.

„und das Herz öffnen“ – wenn die Klärung des Geistes glückt, wenn die Geistesschulung Wirkung zeigt, dann öffnet sich das Herz und wird weit. Das Herz als Ort der göttlichen Kraft, des universellen Bewusstseins, des reinen SEINs.

[Näheres sowie konkrete Übungen im Atem-Kurs (prāṇāyāma) mit Günter Schumacher.]